RSS feed

Vorwort der Herausgeberin

Themen, die sich mit Minderheiten beschäftigen, interessieren JoSTrans schon seit langem. Die 10. Ausgabe (Juli 2008) widmete beispielsweise eine ganze Rubrik der Übersetzung in Slowenien und Übersetzungsthemen, die sich auf Sprachen mit begrenzter Verbreitung beziehen, gibt es in beinahe jeder Ausgabe. Debbie Folaron bringt das Thema nun mit diesemTitel ganz nach vorne: „Übersetzung und Minderheiten: seltener gebrauchte und weniger übersetzte Sprachen und Kulturen“. Sie hat ein stattliches Aufgebot von Artikeln ausgewählt, die nicht nur bezüglich  der Sprachen und Kulturen vielseitig sind sondern auch in den betreffenden Bereichen: Audiovisuelle Übersetzung (Deckert, Fernández Torné und Matamala), Technologie und Übersetzung (Mikhailov; Wandera), Übersetzungstraining (Dilans), politische Übersetzung (Sanatifar), Community und Dialektübersetzung (DePaula und Filgueiras; Hall) und postkoloniale Übersetzung (Cãno). Am Ende dieser vielseitigen Darstellungen kommt ein Artikel über die Lokalisation der Singvögel (Weisshaupt), der die Prinzipien der Lokalisation auf den Gesang der Vögel überträgt, sicher eine selten übersetzte Sprache. Außerdem gibt es drei Interviews: das erste, in gedruckter Form, bezieht sich direkt auf das Thema dieser Ausgabe: Julie Brittain und Marguerite MacKenzie diskutieren die Rolle von Sprache und Übersetzung in ethnisch gefährdeten Gemeinschaften verschiedener Herkunft. Die anderen beiden Videointerviews zeigen die Probleme der juristischen Übersetzung im europäischen Kontext (Agnès Charbin, interviewt von Aleksandra Cavoski) und die sich schnell entwickelnde Welt der audiovisuellen Übersetzung (Daniel Pageon, interviewt von Lucile Desblache).

Die Auswahl der oben erwähnten Artikel zeigt die wichtige und vielfältige Funktion der Übersetzung als Gatekeeper der sprachlichen und kulturellen Diversität im 21. Jahrhundert. Debbie Folaron zeigt durch ihre Auswahl nicht nur, was verloren geht, wenn eine Sprache verstummt, sondern weist auch auf die Rolle hin, die Übersetzung in Bezug auf Mehrsprachigkeit oder deren Verlust spielen kann, auf die Sichtbarkeit seltener benutzter Sprachen, auf Technologien und Gemeinschaftsbildung. Wie wir wissen, sind Sprachen nicht die einzige bedrohte  Spezies auf unserem Planeten. Der Zusammenhang zwischen dem Verlust des Lebensraums wilder Tiere und dem Rückgang der Sprachenvielfalt ist deutlich bewiesen (Loh und Harmon 2014). Bei beiden geht es um Dominanz. Das Ausbluten der nicht-menschlichen Lebensformen spiegelt die Verarmung der kulturellen Vielfalt wider. Wir fühlen uns den globalen Unternehmen gegenüber oft machtlos, deren Entscheidungen die permanente und oft destruktive Dominanz  des Menschen absichern. Als Linguisten aber, oder genauer als Mediatoren, Dolmetscher und Übersetzer haben wir die Macht, sicherzustellen dass das gegenseitige Verstehen, das Sprache definiert, durch die Übersetzung in allen ihren Formen gepflegt wird.

Lucile Desblache
(Übersetzung: Liselotte Brodbeck)

Bezug